Lebensraum

Das Wattenmeer mit seinen Wattböden ist geprägt durch die Gezeiten. Im Takt von 12 Stunden und 25 Minuten werden die Wattflächen überflutet. Die Gezeiten steuern einen dynamischen Lebensraum, der sich andauernd verändert. Geprägt von diesen Schwankungen von Wasser, Temperatur, Salz und Licht und ständiger Sedimentation aus dem Meerwasser hat sich ein einmaliger üppiger Lebensbereich entwickelt. Eine komplexe Lebensgemeinschaft von einzelligen Algen, Bakterien und vielzelligen Organismen besiedeln einen Lebensraum mit ständig wechselnden Lebensbedingungen. Rund 10.000 Arten von einzelligen Organismen, Pilzen, Pflanzen und Tieren wie Würmer und Muscheln, Fischen, Vögeln und Säugetieren leben hier. Das Wattenmeer ist einer der produktivsten Lebensräume der Erde.

Pflanzliche Produktion einiger Lebensräume
Klaus Kock: Das Watt (1998)

Der überwiegende Teil der pflanzlichen Produktion wird durch einzellige Algen erzeugt, die im Boden wandern können

An der Wattoberfläche überwiegen Kieselalgen. Sie überziehen  die Bodenoberfläche mit einem bräunlichen Belag. Mithilfe der Fotosynthese produzieren sie beachtliche Mengen Sauerstoff und ca. 2 t Kohlenstoff/ha/a.  Die Meeresströmungen führen zusätzlich große Mengen an Detritus in die Wattböden.

Kieselalgenbelag auf einem Brackwatt (Foto Ernst Gehrt, Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie Niedersachsen)

Beide Kohlenstoffquellen bilden das Nahrungsangebot für Bakterien und diese das Nahrungsangebot für zahlreiche Tierarten im Watt.

Neben Algen sind in Wattböden  in großem Umfang Bakterien aktiv. Häufig siedeln sich unterhalb einer sehr dünnen Deckschicht Cyanobakterien an, die den Böden grün färben. Sie verarbeiten Kohlendioxid und Stickstoff, setzen Sauerstoff frei und produzieren organische Substanz. Dabei verfestigen und verkleben sie das Bodenmaterial und bilden eine dünne fotosynthetisch aktive Matte. Sie werden von Schwefelpurpurbakterien unterlagert, die reduzierten Schwefel verarbeiten und Sauerstoff verbrauchen. Diese Bakterien färben den Boden rosa bis rot. Nach unten schließen sich Schwefel reduzierende Bakterien an, die  im sauerstofffreien Milieu Sulfat im Boden zu Eisensulfid reduzieren und den Boden schwarz färben. Bakterien sind die wichtigsten Organismen für die Zersetzung abgestorbener Pflanzen und Tiere. Ähnliche Mikrobenmatten kommen an vielen Standorten mit extremen Lebensbedingungen und an Orten mit einer Pionierphase vor. Sie sind die ältesten Lebensgemeinschaften der Erde.

Biofilme im Wattboden, grün bis blau färbende Cyanobakterien über rosa bis rot färbenden Schwefelpurpurbakterien, Quelle: Ernst Gehrt, Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie, Niedersachsen

An der Grenze der Wattböden zu den Marschböden haben sich höhere Pflanzen etabliert, die den Salzgehalt des Meerwassers und die tägliche Überflutung ertragen. Queller und Schlickgras wirken als Sedimentationsfallen. Nach und nach wächst diese Zone aus dem täglichen Überflutungsbereich heraus – eine natürlich bedingte Landgewinnung etabliert sich.

Lebensraum Salzwiese, © Faltblatt Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein, Nationalparkverwaltung

90 % der tierischen Biomasse wird von 7 Tierarten gestellt: Mies- und Herzmuschel > Wattwurm > Sandklaffmuschel >Wattschnecke > Baltische Blattmuschel >Schillernder Seeringelwurm (Klaus Kock: Das Watt (1998).

Tierische Biomasse in verschiedenen Wattgebieten im Norden Sylts nach Klaus Kock: Das Watt (1998)
[afT/m² = aschefreies Trockengewicht, organische Substanz ohne Schale und Panzer]

Watttiere leben unter erschwerten Bedingungen. Sie müssen sich an den ständigen Wechsel durch Wasserbewegung, Wasserbedeckung und Trockenfallen anpassen. Die meisten Tiere des Watts beziehen ihren Sauerstoff und ihre Nahrung aus dem Meerwasser. Beim Trockenfallen drosseln sie ihre Lebensprozesse und legen eine Zwangspause ein. Bei Sturm werden sie rausgerissen und zu Säumen an der Hochwasserlinie gespült. Weitere Extrembedingungenn sind starke Temperaturschwankungen, an der Oberfläche zwischen  33 °C und  -5°C.  Der Salzgehalt im Meerwasser und im Bodenwasser beträgt 25- 33 ‰. Im Bereich von Flussmündungen ist der Salzgehalt geringer.

Lebensraum Wattböden, © Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein, Nationaparkverwaltung